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Das Magazin für MitarbeiterInnen von Siemens Österreich

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Management / Digital Factory


Hannover Messe 2016

Interview mit BILD

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Joe Kaeser sagt, was Digitalisierung ermöglicht.

Zur Eröffnung der Hannover Messe 2016 meldet sich Vorstandschef Joe Kaeser mit einem Interview in der BILD-Zeitung zu Wort. Zentrales Thema ist die Digitalsierung.

BILD: Siemens hat weltweit 350.000 Mitarbeiter. Wie viele werden davon in den nächsten zehn Jahren durch intelligente Maschinen und Roboter ersetzt?

Kaeser: Ich glaube nicht, dass es weniger Mitarbeiter werden, aber vielleicht andere. Die Digitalisierung führt dazu, dass die Entwicklungszeiten für neue Produkte, wie Maschinen oder Autos immer kürzer werden. Das spart Zeit und macht Waren deutlich günstiger, so dass sie sich immer mehr Menschen und Firmen leisten können. Das erhöht langfristig die Nachfrage, schafft global neue und voraussichtlich mehr Jobs.

BILD: Viele Studien sagen genau das Gegenteil! Das Weltwirtschaftsforum rechnet unterm Strich mit dem Wegfall von 5 Millionen Jobs in Europa allein in den nächsten 5 Jahren.

Kaeser: Das ist Panikmache. Die Entwicklung zeigt doch: Mit jeder industriellen Revolution – erst Mechanisierung, dann Elektrifizierung, dann Automatisierung – gab es mehr Gewinner als Verlierer. Jetzt stehen wir am Anfang der 4. Revolution, der Digitalisierung, also Industrie 4.0. Und dieses Mal kann der Beschäftigungssprung stärker sein als je zuvor. Aber wir müssen hart arbeiten, damit WIR in Deutschland die Gewinner sind.

BILD: Was macht Sie da so sicher?

Kaeser: Ein Beispiel: In unserem modernsten Elektronikwerk in Amberg arbeiten 1200 Mitarbeiter – fast unverändert seit 25 Jahren. Aber die Leistung des Werks haben wir um das Achtfache gesteigert und neue Werke gebaut! Damit entstehen neue Jobs - auch in Forschung und Entwicklung, aber auch in Branchen mit eher einfachen Tätigkeiten.

BILD: Die Digitalisierung bringt also Vollbeschäftigung weltweit?

Kaeser: Wenn alles gut läuft, dann können wir durch die Digitalisierung einen breiteren Wohlstand schaffen und der Vollbeschäftigung in vielen Ländern näher kommen. Das kann unser zweites Wirtschaftswunder in Deutschland werden - wenn wir es richtig anstellen.

BILD: Was fordern Sie?

Kaeser: Wir müssen die Digitalisierung als große Chance begreifen. Das Entscheidende sind Fleiß, Disziplin und der Wille zur permanenten Anpassung.

BILD: Wer werden die größten Gewinner der Digitalisierung sein?

Kaeser: Es werden vor allem diejenigen Arbeitnehmer und Firmen profitieren, die sich schnell auf den permanenten Fortschritt einstellen und ihre Chancen überall suchen. Es ist wie beim Goldrausch im 19. Jahrhundert in den USA. Reich wurden nicht die Goldgräber, sondern vor allem die Hersteller von stabilen Spaten und robusten Arbeitshosen. Das wird auch dieses Mal so sein. Aber wie bei jeder technischen Revolution kann es weltweit zu großen Verschiebungen kommen.

BILD: Inwiefern?

Kaeser: Diejenigen Länder, die Innovationen fördern und nicht behindern, werden zu den Gewinnern gehören. Wer sich dem Wandel verweigert, wird zurückfallen und an Wohlstand einbüßen. Es wird eine große Herausforderung für die Weltgemeinschaft, diese Strukturveränderungen zu bewältigen und für sozialen Ausgleich zu sorgen. Gelingt das, kann die Digitalisierung sogar zum großen Friedensprojekt weltweit werden.

BILD: Sind uns die USA mit Apple, Facebook, Google nicht meilenweit voraus?

Kaeser: Nein, denn Deutschland und seine Industrieunternehmen gehören zu den Besten der Welt – und um den Mittelstand beneidet uns die ganze Welt. Entscheidend für den Erfolg ist, dass wir aus den Daten einen echten Mehrwert erzeugen können und den Wandel als Chance begreifen. Wir haben in Deutschland eine starke industrielle Basis – also Maschinen, Anlagen, Autos – die riesige Datenmengen produziert. Wir bei Siemens blicken auf mehr als 160 Jahre erfolgreiche Firmengeschichte zurück, weil wir uns mit unseren Produkten und Serviceleistungen immer wieder an die neuen Entwicklungen angepasst haben. Das ist heute wichtiger denn je!

BILD: Tut die Politik genug?

Kaeser: Sowohl unsere Bundeskanzlerin als auch der Wirtschaftsminister setzen sich sehr für das Thema Digitalisierung ein. Aber das lässt sich nicht alleine national lösen. Wir brauchen mindestens europäische Rahmenbedingungen z.B. für den Austausch von Daten, einen europäischen Digital-Binnenmarkt. Auch die Arbeitswelt wird sich verändern, starre Arbeitszeiten sind von gestern. Es darf auch nicht sein, dass die Schnellen blockiert werden. Gleichzeitig haben wir eine Verantwortung den weniger Qualifizierten zu helfen.

BILD: Wie soll das gehen? Wird jeder Lagerist künftig zum Software-Programmierer umgeschult?

Kaeser: Wir brauchen eine sachgerechte Requalifizierung. Natürlich muss der Lagerist nicht Programmierer werden. Aber er muss mit der Bedienung von robotergestützten Lagersystemen umgehen können.

BILD: Viele kommen doch schon heute bei der Digitalisierung nicht mehr mit. Droht Überforderung?

Kaeser: Viele haben davor Angst. Das dürfen wir nicht zulassen. Digitalisierung ist keine Hexenkunst, im Gegenteil: Wer mitmacht und digitalen Fortschritt antreibt, kann sogar einen großen Dienst für die Gesellschaft leisten! Nehmen sie die Medizin: Die Vernetzung von Daten, Online-Diagnosen von Experten oder Genforschung schaffen neue Wege, Krankheiten zu heilen und unser Leben zu verlängern

BILD: Was kommt als nächstes?

Kaeser: Es wird jedenfalls spannend! Auch in der Medizin wird es gewaltige Fortschritte geben! Wir können künftig noch schneller und besser Arzneien entwickeln, weil wir über mehr Daten verfügen, sie viel besser analysieren und schneller austauschen können. In der Krebsforschung können wir sicherlich in nächster Zeit den Durchbruch erwarten und werden auch in der Lage sein, menschliche „Ersatzteile“ im 3D-Druck herzustellen. Dadurch werden Krankheiten in den meisten Fällen heilbar sein. Die meisten Menschen, die heute geboren werden, können künftig 100 Jahre und älter werden.

BILD: Klingt gut! Was heißt das für die Rente, die Rentenkasse?

Kaeser: Die Verantwortung der Firmen für die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter steigt. Es ist höchste Zeit, die Altersvorsorge auf eine neue und verlässliche Basis zu stellen und die Beschäftigten stärker an der Wertsteigerung ihrer Unternehmen zu beteiligen, zum Beispiel über Aktien. Wir haben bei Siemens seit Jahren sehr erfolgreiche Aktienprogramme aufgelegt. Wer als Siemensianer drei Aktien kauft und sie drei Jahre hält, bekommt vom Unternehmen eine Aktie geschenkt. Diese Aktie muss er bisher voll besteuern. Diese Teilhabe für Versorgungszwecke sollte aber steuerfrei sein. Das wäre ein echter Mehrwert für die Altersvorsorge. Zur Gegenfinanzierung sollten Spekulantengewinne z.B. der so genannte Hochfrequenzhandel viel stärker besteuert werden.

BILD: Inwieweit ist das Freihandelsabkommen TTIP wichtig für die Digitalisierung?

Kaeser: Das Internet kennt keine Landes-Grenzen und die Digitalisierung auch nicht. Sie sind überall und bilden ein globales Netzwerk. Die Digitalisierung wird nicht auf Deutschland warten. Wer sich dem freien Handel und dem Austausch verschließt, den wird die modere Welt vom Fortschritt ausschließen. Es gibt keine große Nation auf der Welt, die vom Export und der Globalisierung so sehr profitiert hat, wie unser Land. Wir sollten uns deshalb genau überlegen, ob WIR den digitalen Wandel gestalten oder er uns. Wir bei Siemens haben uns schon entschieden: Wir machen mit – und zwar ganz vorne!

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