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Das Magazin für MitarbeiterInnen von Siemens Österreich

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Schule des Lebens

"Seid ihr wahnsinnig? Das könnt ihr nicht machen."

Anfang Juni war whatchado-Gründer Ali Mahlodji Gast in der Academy of Life in der Siemens City.

Der erfolgreiche Jungunternehmer erzählte in einem Impulsvortrag für die Members der Academy of Life und in einem Interview von seinem Leben und seinem persönlichem Weg zum Erfolg.


together.magazin: 
Sie sind sehr jung als Flüchtling aus dem heutigen Iran nach Österreich gekommen - wie haben Sie die Integration in Österreich erlebt?

Wenn es um das Thema Integration geht, geht es auch immer ganz stark um Angst, um Dinge, die man nicht kennt. Das hat jetzt gar nichts mit Österreich zu tun, das ist weltweit so. Ich bin in Traiskirchen aufgewachsen und dann mit meiner Familie nach Wien gezogen. Das Wichtigste war es, so schnell wie möglich die Sprache und die Kultur zu verstehen. Meine Eltern haben immer gesagt, wir sind hier Gäste und „weißt du Ali, du musst besser Deutsch sprechen als jeder Österreicher“. So habe ich die Sprache extrem schnell gelernt und deshalb war die Integration auch kein großes Problem für mich. Ich sehe mich heute als Österreicher – wenn ich im Fußballstadion bin und Österreich spielt, habe ich immer ein Österreich-Dress an und schreie wie verrückt. Wir lieben dieses Land und wir waren einfach bereit alles zu tun, um hier ein gutes Leben zu führen. Glücklicherweise haben wir auch genug Menschen kennen gelernt, die bereit waren, uns diese Möglichkeit zu bieten.

together.magazin: Wann hatten Sie erstmals die Idee, so etwas wie whatchado zu entwickeln?

Die Idee kam mir damals mit circa 14 Jahren. Ich war in der Schule und wusste nicht, welche Chancen es auf dieser Welt gibt. Alle Lehrer haben damals gefragt, was ich später einmal machen möchte. Da habe ich mir gedacht, wie cool es wäre, wenn ich mit jedem Menschen auf der Welt einmal zehn Minuten sprechen könnte – dann könnte ich mir ein eigenes Bild davon machen, wie diese Welt wirklich aussieht. So entstand in meinen Gedanken eine Art Handbuch mit Lebensgeschichten, wo alle Menschen ihre eigene Geschichte, ihren Werdegang, Infos über ihren Job etc. hineinschreiben könnten. Dieses Buch sollte für alle kostenlos sein. Damit alle Menschen auf der Welt – egal ob 14 oder 44 Jahre alt – die sich fragen, was sie aus ihrem Leben machen sollen, sehen könnten, wie andere Leute ihr Leben gelebt haben.

together. magazin:  Und wie haben Sie diese Idee später umgesetzt?

Fast 20 Jahre und 40 Jobs später, nach Schulabbruch und Nachholen der Uni, war ich selbst Lehrer an einem Gymnasium. Da habe ich gesehen, dass die Kinder immer noch nicht wissen, welche Jobs es gibt. Und plötzlich war diese Kindheitsidee wieder da, das Handbuch mit Lebensgeschichten. Mein bester Freund Jubin und ich haben dann begonnen so etwas zu bauen. Nicht in Buchform, sondern angepasst an die heutige Welt – im Internet, als Video und mit sieben Fragen über das Leben und den Werdegang der Menschen auf unserer Plattform.

together.magazin: Das klingt vorerst einmal nach Hobby – wie wurde whatchado schließlich zu einem Geschäft und einem Unternehmen?

2011 haben wir einen Protoypen umgesetzt und mit einer kleinen Kamera um 300/400  Euro auf der Straße Leute interviewt. Ich hatte keine Ahnung wie man interviewt oder Videos schneidet, aber wir haben die Website programmiert und sind mit 17 Videos online gegangen. Plötzlich waren wir in allen Medien und es haben sich Unternehmen gemeldet, die auch dabei sein wollten. So mussten wir uns schnell entscheiden, ob wir das in unserer Freizeit machen, oder ob wir eine Firma gründen wollen. Aber wenn du mit einer Kindheitsidee deinen Lebensunterhalt verdienen kannst, anderen Menschen und auch der Wirtschaft damit hilfst, dann wärst du ja blöd, wenn du es nicht machst. Auch wenn du weißt, dass du scheitern kannst. Wir dachten uns damals: sogar wenn wir in drei Jahren „krachen gehen“ – es müssen die besten drei Jahre unseres Lebens sein. Dann haben wir innerhalb von einer Stunde entschieden: wir gründen eine Firma. Sehr zum Leidwesen meiner Mama, die nur geheult hat, weil sie Angst hatte. Im Jänner 2012 wurde dann gegründet und heute sind wir über 50 Mitarbeiter aus 15 Nationen.

together.magazin: Wie lief es dann bei der Firmengründung? Gab es da besondere Hindernisse?

Wenn du etwas tust, was andere vor dir noch nicht gemacht haben, dann gibt es automatisch Hindernisse. Die Bildungsexperten haben gemeint, so eine Plattform braucht kein Mensch. „Wenn das so super wäre, hätte es schon jemand aus dem Silicon Valley gemacht“, war ihre Meinung. Unsere Freunde sagten: „Seid ihr wahnsinnig, das könnt nicht machen. Was ist, wenn ihr scheitert?“ Dieses Sicherheitsdenken ist hier extrem ausgeprägt. Aber wir haben uns gesagt: „Wir leben hier in Österreich im Paradies – mit einer offenen Diskussionskultur, Spitälern für alle und dem AMS, das unsere Mitarbeiter auffangen kann, wenn es nicht so läuft. In diesem Land riskieren wir das“.

Unsere größte Stärke war, als Team zu agieren und nicht auf die Leute zu hören, die uns sagten, was nicht geht. Auch andere Unternehmen aus der Karriere-Branche haben uns bekämpft - wir mussten uns andauernd beweisen. Aber wir haben von Tag eins an als Team agiert, alle zusammen, und gemeinsam überspringst du diese Hürden. Die gibt es übrigens auch heute noch, aber wir haben gelernt besser damit umzugehen und zu verstehen, dass das normal ist. Wenn heute einmal eine Woche nichts passiert, dann fragen wir uns: „Was ist los – warum gibt es keine Katastrophe?“.

together.online: Wie sieht die whatchado-Strategie für die Zukunft aus?

Die Strategie ist jedenfalls, global zu agieren. Denn es ist immer besser, groß zu denken und dann ein bisschen daneben zu liegen, als in kleinen Dimensionen und immer darauf angewiesen zu sein, dass jemand anderer in dir eine größere Vision sieht.

together.online: Gibt es in Ihrer Karriere auch einen Siemens-Bezug?

Ich war einmal Siemensianer - ICT Technology Consultant für SAP Netweaver. In einem kleinen, schlagkräftigen Team aus 15 Leuten - alle technologisch sehr versiert. Da ging es um die neueste Technologie-Themen die der Markt da draußen noch gar nicht richtig kannte. Das war eine extrem coole Zeit und mein erster Job als Berater im Technologie-Sektor. Es gab viel zu lernen – beispielsweise nachhaltig zu denken. Das ist besonders wichtig in dieser schnelllebigen Branche.

Außerdem ist eine der Investorinnen in unserem Advisory Board Brigitte Ederer, ehemalige Siemens-Chefin in Österreich und früher weltweite HR-Chefin. Sie verfügt über eine unglaubliche Expertise und kennt alle Abkürzungen dieser Welt. Wo wir jungen Wilden in die Wand laufen, kennt sie die Abkürzung, mit der man genau zum Ziel kommt.

Als wir whatchado gegründet haben, war ich im Sommer einmal in Indien und wollte damals den Indien-CEO von Siemens interviewen - den deutschen Gerd Höfner. Ich war aber nur drei Wochen dort und hatte keine Zeit mehr das Interview zu machen. Wieder zurück hörte ich von einigen Siemens-Mitarbeitern in Indien, die seine Geschichte unbedingt auf whatchado bringen wollten. Die haben Gerd Höfner so oft selbst in Indien interviewt, bis es perfekt war. Unglaublich, wie motiviert die waren – diese Leute glaubten an Siemens und an ihren Chef und wollten seine Geschichte unbedingt erzählen. So etwas hatten wir bis jetzt nur bei Siemens. Das war eine der schönsten Geschichten, die mir bei whatchado passiert ist.

Ich hoffe, es ist Siemens bewusst, was für ein tolles Haus das ist - mit Nachhaltigkeit und mit großartigen Mitarbeitern. Das Unternehmen ist eine beeindruckende Konstante in unserer schnelllebigen Welt. Ich glaube nicht, dass es etwas Vergleichbares in Zukunft in anderen Unternehmen geben wird.

together.online: Was würden sie künftigen Führungskräften raten, um erfolgreich zu sein?

Als Führungskraft arbeitet man nicht für sich selbst – man ist Dienstleister für sein Team. Deine Aufgabe ist es, Menschen zu holen, die alle besser sind als du, sie in die richtige Position zu bringen und sie dann machen zu lassen. Aber auch zu erklären, wo man steht und was das Ziel ist. Ein bisschen so wie ein Fußballtrainer, der vielleicht mal der beste Fußballer war. Auf dem Spielfeld spielen seine Spieler. Seine Aufgabe ist es, Anweisungen zu geben, vielleicht manchmal jemanden auszutauschen – aber wenn es darum geht das Tor zu schießen, geht nicht der Coach auf das Feld und macht das selbst.

Man muss komplett runter mit dem Ego – denn man arbeitet mit der Lebenszeit und dem Schicksal anderer Menschen.

Interview:
Claus Gerhalter

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