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Unternehmen von morgen

“Wir sind alle wie Homer Simpson”

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Interview mit Trendforscher Jonas Ridderstråle.

Warum uns die digital vernetzte Welt zu einer tumben Comicfigur macht und wir mehr Lady Gagas benötigen: Wirtschaftsforscher Jonas Ridderstråle erzählt in einem Interview mit der "SiemensWelt" über die Trends, die das Unternehmen von morgen prägen.

SiemensWelt: Herr Ridderstråle, wagen wir gemeinsam einen Blick in die Kristallkugel. Wie sieht das Unternehmen der Zukunft aus?

Jonas Ridderstråle:  Erstens: kleiner.
In kleinen Teams sind wir kreativ. Das heißt nicht, dass man keine großen Unternehmen wie Siemens mehr schaffen kann oder sollte, aber wir müssen das Kleine ins Große einfügen, also sozusagen aufbrechen, um auszubrechen. Und es wird sich die Frage aufdrängen: Soll man die Firma selbst aufbauen oder dazu kaufen?

Zweitens: flacher. Wenn ein Problem oder eine Chance erkannt wird, muss man schnell handeln. Um die Zeit bis zur Lösung zu verkürzen, brauchen wir daher Unternehmen mit flachen Hierarchien und dezentralen Strukturen.

Drittens: temporär. Es geht künftig weniger um interne Prozesse, sondern schlicht und einfach um Geschäftsmöglichkeiten. Daher wird die Struktur, die Firmen heutzutage durchschnittlich prägt, in den Hintergrund rücken. Zeitlich begrenzte und bereichsübergreifende Projekte bestimmen dann das Bild in der Organisation.

Viertens: horizontal. Die alte Logik hieß: vertikal. Die wirklich interessanten Chancen (und damit auch die Probleme) finden sich jedoch quer über die ganze Organisation verteilt. Die horizontale Logik schließt Kunden, Lieferanten und andere Partner ein. Ein Gegensatz zur alten Logik, wo es nicht selten darum ging, beim Chef positiv aufzufallen.

Fünftens: offen. Kein Unternehmen kann alleine erfolgreich sein. Es muss sich intensiv vernetzen - damit meine ich Partnerschaften, Allianzen, Joint Ventures. Da fällt die Entscheidung schwer, wen man zur jährlichen Weihnachtsfeier des Unternehmens einladen soll!

Sechstens: kontrolliert. Gute Nachrichten für Kontroll-Freaks: Immer mehr Faktoren lassen sich allerorts und häufiger als je zuvor messen und intelligent auswerten. Wir dürfen allerdings nicht vergessen, neue Faktoren zu messen. Etwa, wie sich ethisch einwandfreies Verhalten auswirkt oder welche Folgen Fehler haben.

Die Zukunft ist völlig offen. Keiner kann vorhersagen, wie sich das Geschäftsumfeld entwickelt. Das ist ehrlich gesagt ziemlich anstrengend. Ist das der neue Normalzustand?

Jonas Ridderstråle:
Das Unnormale ist die neue Normalität. Ja, daran gewöhnen wir uns besser!

Zwei Trends prägen dieses Bild der neuen Normalität: Erstens wächst das Wissen auf gesellschaftlicher Ebene viel schneller, als dass jeder Einzelne damit Schritt halten könnte. Heutzutage ist niemand in der Lage, mehr als nur einen Bruchteil aller global vorhandenen Fähigkeiten zu beherrschen. Wir sind jetzt alle wie Homer Simpson.

Zweitens ist unsere Welt extrem vernetzt – technologisch, politisch, wirtschaftlich und physisch. Und je mehr Wechselwirkungen es gibt, desto weniger lässt sich die Welt vorhersagen. Denken Sie nur einmal an die Schweinegrippe, den Brexit, Trump und die Wirtschaftskrise.

Wenn Unternehmen unter diesen Voraussetzungen erfolgreich sein wollen, dann müssen sie Führung neu definieren. Im 20. Jahrhundert konzentrierten sich Führungskräfte vor allem auf die Schwächen der Mitarbeiter. Ironischerweise verschwenden auch heute noch viele Manager 80 Prozent ihrer Zeit und ihrer Aufmerksamkeit auf die 20 Prozent der Geschäfte, Produkte oder Mitarbeiter, die besonders schlecht abschneiden. Und doch wissen wir alle, dass Spitzenleistungen auf unseren Stärken aufbauen müssen – auf unseren eigenen und auf denen des Unternehmens. Ein linker Fuß am rechten Bein: Da machen einen nicht mal 350 Jahre Training zum nächsten Leo Messi. Daher muss der neue Führungsstil für das 21. Jahrhundert präventiv und nicht kurativ sein. Spielen wir unsere Stärken aus!

Welcher Trend hat momentan Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf die Geschäftswelt?

Jonas Ridderstråle:
Klar gibt es da die Globalisierung und die Digitalisierung. Allerdings bilden für mich den größten Trend Innovationen, und zwar in all ihren Ausprägungen und Formen. Zu viele Unternehmen geben sich immer noch der Illusion hin, dass ihr Wettbewerbsvorteil unendlich sei. Meiner Meinung nach ist der sich einzig und allein lohnende Vorteil ein evolutionärer. Wir stehen alle vor der Herausforderung, immer wieder die Spielregeln zu ändern. Erfolg hat nichts mehr mit Alleinstellung zu tun.

Agile, zukunftsorientierte Unternehmen wissen, dass jedes Monopol - der Heilige Gral der Wirtschaft - endlich ist. Um an der Spitze zu bleiben, erfinden sie sich immer wieder neu. Und zwar, indem sie sich kompromisslos auf gezieltes Handeln konzentrieren. Sie beschleunigen ihr Tempo und hauchen ihrem Unternehmen neue Energie ein, allein durch ihre persönliche Überzeugung. Sie wissen genau: Wenn sie den anderen voraus sein wollen, dann muss ihr Unternehmen den Wandel leben, der in ihrer Branche zukunftsweisend ist.

Die Vision 2020 soll eine nachhaltige Basis für die nächste Generation schaffen. Was ist Ihr persönlicher Rat an Siemens, damit dieses Ziel erreicht wird?

Jonas Ridderstråle: Es heißt es ja, dass es zwei Schlüssel zum Erfolg gibt:

◾Erstens: Niemals alles preisgeben, was man weiß.
◾Zweitens: …

Ich mache nur Spaß, im Ernst: Um Erfolg zu haben, finde ich es persönlich am wichtigsten, möglichst rational zu agieren, damit das Umfeld den Raum hat, möglichst emotional zu reagieren.

Wagen wir zum Schluss noch einen zweiten Blick in die Kristallkugel: Was sind die Trends von morgen, die die Wirtschaftswelt beeinflussen werden?

Jonas Ridderstråle: Der Wandel wurde schon immer durch drei Kräfte vorangetrieben: durch technologischen Fortschritt, durch Institutionen und unsere Werte. Das wird auch künftig so bleiben. Zurzeit scheint die Technologie die treibende Kraft zu sein. Viele der Probleme, mit denen wir in den letzten Jahren zu tun hatten, sind wahrscheinlich auf fehlende Innovationen in den anderen beiden Bereichen zurückzuführen.

Aber es gibt einen Trend, zu dem wir noch mehr kluge Ideen benötigen. Weltweit rücken immer mehr Frauen in verantwortliche Positionen auf. Nicht nur Frauen wie Clinton, Merkel oder auch Lady Gaga. Frauen studieren häufiger als Männer. Ihre Kaufkraft wächst schneller als die von Männern. Und trotzdem werden immer noch die meisten Unternehmen von Männern für Männer aufgebaut, um etwas an Männer zu verkaufen. Und wie Sie vielleicht gemerkt haben: Frauen sind keine Männer! Für mich ist dies heute die größte einzelne Geschäftschance für fast jedes Unternehmen, und zwar in jeder Branche. Herzlich willkommen in der Welt der Womenomics!

Autorin:
Elisabeth Kirsch 

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